Stürze vorbeugen dank mobilem Sensorsystem Portabiles HCT entwickelt Ganganalysen für chronische Erkrankungen

portabiles healthcare technologies

Die Sportindustrie brachte schon viele intelligente Kleidungsstücke auf den Markt, die das individuelle Training optimieren sollen. Doch auch bei der Therapie von chronischen Erkrankungen sind neue Sensorsysteme nützlich. So entwickelten bspw. Wissenschaftler in Magdeburg Einlegesohlen für Diabetiker-Füße, die rechtzeitig Fehlbelastungen diagnostizieren. Und in Nürnberg widmet sich die Portabiles HealthCare Technologies GmbH mit ihrer mobilen Ganganalyse den Bewegungserkrankungen.

Der smarte Schuh macht einen recht ansehnlichen Eindruck, er soll schließlich im Alltag getragen werden. Unter der Einlegesohle befindet sich das 4x3x1 cm große Sensorsystem, das beim Tragen unbemerkt bleibt. Es verfügt über eine Bluetooth-Anbindung, einen USB-Anschluss sowie zwei Sensoren: dem Gyroskop für die Messung der Winkelgeschwindigkeit und einen Beschleunigungssensor.

Stellen die Sensoren beispielsweise fest, dass der Abstand zwischen Zehenspitzen und Boden beim Gehen nicht groß genug ist und der Fuß nicht abgerollt wird, schlurft der Träger – ein wichtiges Indiz für ein erhöhtes Sturzrisiko und weitere Beeinträchtigungen.

Über ein telemedizinisches Portal erhält der Arzt die Datenauswertung, beispielsweise auf sein Tablet, und kann anhand neuer Erkenntnisse eine Physiotherapie bzw. Ganghilfe anordnen oder vor allem die Medikation ändern.

„Das Herzstück des Systems ist die Algorithmik und Darstellung der Daten“, erklärt Produktmanagerin Chantal Herberz. Aus den Sensorsignalen berechnet die Portabiles HealthCare Technologies GmbH Gangparameter wie etwa Schrittlänge, Ganggeschwindigkeit sowie Winkel beim Aufsetzen und Abheben des Fußes. Diese sollen wiederum Hinweise auf die Entwicklung einer Bewegungserkrankung liefern. Die Sensoren selbst kaufen sie bei der namensähnlichen Portabiles GmbH aus Erlangen.

Besonderer Bedarf bei Parkinson

Durch das Produkt können chronische Leiden wie Multiple Sklerose, orthopädische Erkrankungen sowie Alterskrankheiten individueller therapiert werden. Außerdem eignen sich die Schuhe dazu, im Rahmen von klinischen Studien den Einfluss neuer Medikamente auf den Gang zu messen.

„Bislang konzentrieren wir uns aber auf das Parkinson Syndrom. Gangstörungen sind hier ein Hauptsymptom“, weiß Geschäftsführer Ralph Steidl. Parkinsonpatienten leiden im Tagesverlauf an starken Schwankungen in ihrer Beweglichkeit. Manche kämpfen morgens mit Lähmungserscheinungen und am Abend mit Zitterphasen, bei anderen ist es umgekehrt.

Medikation und Dosis müssen auf diese Schwankungen zeitlich genau angepasst werden. Die Selbsteinschätzungen der Patienten sind laut Steidl aber nicht genau genug: „Teilweise müssen die Betroffenen für ein paar Wochen ins Krankenhaus, nur um ihre Bewegungen genau beobachten zu lassen und sie dann medikamentös einzustellen.“

Der Physiker hatte schon während seiner Zeit als Geschäftsführer eines mittelständischen Softwareunternehmens die Idee, mobile Sensortechnologien für Ganganalysen zu nutzen. Dort war eine Weiterentwicklung zum Medizinprodukt jedoch ausgeschlossen, weshalb Steidl ein eigenes Unternehmen gründete.

Durch die Zusammenarbeit mit dem Parkinsonexperten Professor Jochen Klucken und dem Algorithmikexperten Professor Björn Eskofier, die ebenfalls Gesellschafter der Portabiles HCT sind, entwickelte sich der Fokus auf Parkinson. Circa 300.000 bis 400.000 Menschen in Deutschland sind an der Nervenkrankheit erkrankt; Tendenz steigt.

An der Erlanger Uniklinik setzt Professor Klucken die neue Ganganalyse bei Parkinsonpatienten und Patienten mit anderen Bewegungserkrankungen ein. „Das Feedback zu unserem System seitens medizinischer Forschungseinrichtungen ist sehr erfolgsversprechend“, sagt Steidl.

Sensor-Schuhe sollen vermietet werden

Im Gegensatz zu den medizinischen Anwendern reagieren die Krankenkassen, mit denen das Nürnberger Startup später Selektivverträge aushandeln möchte, etwas verhaltener. Zwar bestehe seitens der Kassen ein Interesse am Thema Sturzvermeidung, allerdings sei es aufwändig, das Kosten-Nutzen-Verhalten der Innovation in diesem frühen Stadium genau zu belegen. Ralph Steidl ist sich aber sicher, dass die Sensor-Schuhe letztlich die Lebensqualität der Betroffenen steigern und viele Stürze verhindern werden, wodurch wiederum weniger Menschen pflegebedürftig werden.

Um eine ausreichende Analyse der Bewegungen im Alltag zu ermöglichen, soll man die Schuhe einen Monat lang tragen. Das Startup plant, die Schuhe und die telemedizinische Infrastruktur anfangs monatlich zu vermieten.

Langer Weg zum Medizinprodukt

Bevor ein Produkt überhaupt ausreichend geprüft wurde, um als Medizinprodukt auf den Markt zu kommen und so Umsätze zu generieren, steht gewöhnlich eine lange finanzielle Durststrecke bevor. „Momentan besteht meine Hauptaufgabe darin, Kapital von Investoren einzusammeln“, erklärt der CEO. Er hat sich das ambitionierte Ziel gesetzt, im Sommer 2018 die Zulassung zu erhalten“ (in Europa: Konformitätsbewertungsverfahren). Bis zur Zulassungen werden die Ausgaben des jungen Unternehmens wohl siebenstellig sein.

Umso dankbarerer sind Herberz und Steidl für die Unterstützung in der bayerischen Gründerszene: Das bayerische Wirtschaftsministerium stellt nicht wenige Fördermittel zur Verfügung, BayStartup vernetzt die Gründer mit Business Angels und gibt „knallhartes Feedback“ zu den Geschäftsplänen. Auch das Medical Valley hat einen guten Draht zu Investoren sowie zu den Kassen. „Außerdem hatten wir hier in der Region schon viele Möglichkeiten, unsere Ideen zu pitchen“, sagt Herberz, „das motiviert ungemein“.

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Zu den Gesellschafter gehören Professor Jochen Klucken von der Uniklinik Erlangen, CEO Ralph Steidl und Professor Björn Eskofier von der Friedrich-Alexander-Universität (von links). Sie gründeten das Startup Ende 2016.

Initiativbewerbungen erwünscht: Studenten der Informatik, Medizintechnik sowie verwandten Studiengängen, die sich für Algorithmik interessieren, können sich jederzeit bei Portabiles HealthCare Technologies um eine Stelle als Werkstudent oder für ein Praktikum bewerben. Auch motivierte Absolventen und erfahrene Entwickler aus diesen Bereichen finden laut dem Team spannende Aufgaben als Mitarbeiter.

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